Klimawandel. Wetter. Schadenfälle.

Werden Wetterereignisse tatsächlich immer extremer? Was ist der Unterschied zwischen Klima und Wetter? Welche klimatischen und wetterbedingten Veränderungen kommen in den nächsten Jahren auf uns zu? Was können wir heute gegen den Klimawandel tun? Welche Zukunftsstrategien gibt es für Versicherer? Wir haben den renommierten Experten für Klimatologie, Professor Dr. Ulrich Foelsche aus Graz, gefragt.

 

 

Herr Professor Dr. Foelsche, Sie sind nicht nur Institutsvorstand für Physik an der Karl Franzens Universität in Graz und verantwortlich für die meteorologische Station an der Universität Graz. Seit über 10 Jahren sind Sie im Wegener Center für Klima und globalen Wandel tätig. Was machen Sie da genau?    

Dr. Ulrich Foelsche: Am Wegener Center arbeiten wir an neuen Satellitenmethoden, mit denen man die Temperaturveränderung in der Atmosphäre besser messen kann. Da möchte man den genauen Zustand der Atmosphäre wissen, denn je besser man den aktuellen Zustand kennt, desto besser kann man Vorhersagen machen. Da sehen wir bereits, dass sich das Wetter verändert hat. Wir sehen durch die Vergangenheit, dass sich die Temperaturen verändern und können sehr sicher sagen, dass sich die Temperaturen in Zukunft weiter verändern werden. Mit einer Zunahme wird es in Zukunft auch sehr heiße Temperaturen gehen. Das ist klar und wird so weitergehen.

Welche Aktivitäten unterstützen die Forschungen im Bereich der Niederschlagsveränderungen?  

Dr. Ulrich Foelsche: Wir haben mit dem Wegener Net im Raum Feldbach ein Stationsnetz von 150 Stationen im gleichmäßigen Gitter von einem Kilometer in einem Bereich aufgebaut, indem man normalerweise nur maximal 2 Stationen – eine in Feldbach und eine in Bad Gleichenberg –  bedienen würde, um regionale Niederschlagsveränderungen bestimmen zu können. Da haben wir 10 Jahre Daten gesammelt, die wir jetzt anschauen können und so u.a. feststellen, wie Messdaten von extremen Niederschlagsereignissen variieren, wenn man nur regulär zwei Stationen hat im Vergleich zu einem Stationsnetz. Bei einem Mittelmeertief regnet es überall gleich viel. Gewitterniederschläge treten an einem Ort besonders konzentriert auf. Da kann es sein, dass man bei der Station in Gleichenberg gar nichts sieht. In der nächsten Phase führen wir das einen Schritt weiter und möchten uns in Zukunft anschauen, wie sich Extremniederschlagsmengen in Zukunft verändern. Dafür müssen wir auf Klimamodelle vertrauen und die können derzeit Niederschläge noch nicht besonders gut vorhersagen.

Es verändert sich viel, das sehen wir auch im Schadendienstleisterbereich. Welche Änderungen zeigen sich in Ihren Forschungen am deutlichsten?  

Dr. Ulrich Foelsche: Ein Parameter, an dem wir Veränderungen relativ leicht ermitteln können, sind die Tropentage. Da ist es in Graz (Station Universität Graz) so, dass für die Periode 1961 bis 1990 im Schnitt pro Sommer vier heiße Tage zu erwarten waren. Im Sommer 2017 waren es 32 Tage. Auch im wahrgenommenen kalten verregneten Sommer 2016 waren es 10 Tage. Mittlerweile sind auch kalte Sommer wärmer, als es früher „normale“ waren. Im Schnitt werden die heißen Tage mehr und die kalten Tage weniger werden. Das ist am deutlichsten herausgekommen. Wenn nicht ein extremer Vulkanausbruch passiert oder ein Asteroideneinschlag, dann wird das kommende Jahrzehnt global das wärmste sein, seitdem wir Messungen haben.

Sprechen wir bei Änderungen, die wir im Sommer 2016 bzw. 2017 wahrgenommen haben von Klima- oder Wetteränderungen?

Dr. Ulrich Foelsche: In einem Jahr hat sich das Klima nicht so stark verändert. Für die Ausprägung im Einzelfall entscheidet natürlich die Witterung bzw. das Wetter.

Als Schadendienstleister beobachten wir in den letzten Jahren regional konzentrierte Zunahme an Sturmschäden, Überschwemmungen, Hagel & Co. Wie spielt das Wetter hier hinein?  

Dr. Ulrich Foelsche: Es gibt Phasen im Sommer, wo sich sogenanntes Blocking einstellt. Für Wochen bleibt ein Hochdruckgebiet, das normalerweise von Westen nach Osten wandert, am gleichen Ort. Das Wasser aus dem Boden verdunstet und auf der anderen Seite entsteht ein Tiefdruckgebiet. Wir wissen noch nicht, ob diese Phasen zwingend häufiger werden müssen, aber es gibt eine Tendenz dazu, und die ist physikalisch plausibel.

Wie kommt es zu Blocking?

Dr. Ulrich Foelsche: Das Blocking hängt damit zusammen, wie Tiefdruckgebiete in unseren Breiten entstehen. Diese bilden sich im Bereich der sogenannten Polarfront, dort wo kalte Luft im Norden und die warme Luft im Süden aufeinanderstoßen. Diese kann glatt ausgeprägt sein oder sie kann Wellen schlagen. Das ist vergleichbar mit einem Fluss. Wenn das Gelände steil ist, strömt der Fluss gerade. In der Ebene beginnt der Fluss Mäander zu bilden. Dort wo die Polarfront ist, gibt es darüber in der Atmosphäre den sogenannten Jet Stream, der geradlinig fließt oder Wellen schlagen kann, was dazu führt, dass sich darunter die Tiefdruckgebiete ausbilden. Das hängt davon ab, wie stark der Temperaturunterschied zwischen niedrigen und hohen Breiten ist. Wenn der Temperaturunterschied stark ist, dann ist diese Strömung stärker und macht tendenziell weniger Wellen und wenn der Temperaturunterschied geringer ist, beginnt er Wellen zu schlagen. Der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol wird immer geringer. Kalte Luft kommt so weit in den Süden und warme Luft dringt so weit in den Norden vor, was auf den ersten Blick paradoxe Situationen nach sich zieht. Das ist der Grund, warum man auch im Frühjahr noch Spätfröste haben kann, weil die Luft aus dem Norden, die zwar auch dort deutlich wärmer ist als früher, aber für unsere Breiten kalt, zu uns kommt. Details erforschen wir erst jetzt gerade im Detail. Mich würde es nicht wundern, wenn sich hier ein klimatischer Zusammenhang herausstellt.

Es wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren also wärmer und damit verändert sich das Klima global. Können wir den Klimawandel aufhalten?

Dr. Ulrich Foelsche: Im Prinzip könnten wir, aber es spricht nicht wahnsinnig viel dafür, dass wir es auch tun. Das führt mit dazu, dass es nicht immer ganz leicht ist, in die Zukunft zu schauen. Je weiter wir in die Zukunft hinausschauen d. h. wenn wir über 30 oder mehr Jahre hinausschauen, dann ist es immer entscheidender wie wir uns jetzt verhalten. Für die nächsten paar Jahrzehnte haben wir die Weichen schon gestellt. Da müsste etwas ganz Dramatisches passieren, wie ein Vulkanausbruch oder ein Meteoriteneinschlag.

Wir können den Klimawandel aufhalten, aber es spricht nicht wahnsinnig viel dafür, dass wir es auch tun.

Wenn man in der Arktis noch schöne Eisberge sehen möchte, bis wann muss man hinfahren?

Dr. Ulrich Foelsche: Eisberge gibt es noch länger. Anders verhält es sich mit dem Meereis um den Nordpol herum, das maximal 10 Meter dick ist. Große Bereiche der Arktis frieren jeweils im Winter zu. Da bildet sich eine Eisschicht, die ist nur einen Meter dick und die geht über den Sommer zurück. Die minimale Ausdehnung des Meereises ist in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen. Den Bereich vom Nordpol können wir in einem besonders heißen Sommer eisfrei bekommen. Im Vergleich dazu bedecken Grönland und die Antarktis mächtige Eisschilde, die bis zu 4.000 Meter dick sind. Das Eis wird zwar auch drastisch weniger, aber das geht nicht von heute auf morgen. Die Eisberge kalben von Gletschern. Wenn ein Gletscher zu kollabieren beginnt, kann es kurzfristig sogar mehr Eisberge als früher geben. In Grönland gehen pro Jahr doppelt so viel Eis verloren wie es in den gesamten Alpen noch gibt d. h. alle Gletscher der Alpen rinnen pro Jahr in Grönland zweimal ins Meer. Es ist wahnsinnig viel da, aber es geht auch irrsinnig viel weg. Hier müssen wir ganz dringend etwas tun, weil wenn wir diesen Prozess nicht aufhalten, wird Grönland unwiderruflich zu schmelzen beginnen. Derzeit sind die Eisberge weit oben in der Atmosphäre und das Eis bleibt bestehen, da es kühl genug ist. Mit steigenden Temperaturen wird das immer schwerer.

Wie wird sich das Wetter in den nächsten 10 bis 20 Jahren in Österreich konkret verändern?

Dr. Ulrich Foelsche: In den letzten 30 Jahren ist es bei uns in Österreich um ein Grad wärmer geworden. Jeder Tag des Jahres ist also ein Grad wärmer. Es wird wärmer, es wird heißer; auch wenn sich bei den Niederschlägen nicht viel verändert, wirkt sich Dürre stärker aus. Viel schwieriger ist es bei der Entwicklung von Niederschlägen. In unseren Regionen ist eine der großen Unbekannten, wie sich die Mittelmeertiefs verhalten werden.

Welche Tendenzen gibt es für Mittelmeertiefs?

Dr. Ulrich Foelsche: Wo sich die Modelle sehr einig sind, ist, dass es langfristig weniger Niederschläge um den Bereich des Mittelmeers geben wird und in der Steiermark sind wir gerade im Randbereich dieses Einflusses. Das haben wir auch in der Vergangenheit beobachtet. Im Mittel haben sich die Niederschläge in den letzten Jahrzehnten in Österreich kaum verändert. Im Norden von Österreich ist es allerdings tendenziell mehr und im Süden tendenziell weniger geworden – das sagen uns die Klimamodelle für die Zukunft auch so ähnlich vorher. Mit der Einschränkung, dass wir die mögliche Veränderung aus den Mittelmeertiefs nicht genau vorhersagen können.

Welche Tendenzen gibt es bezüglich Intensität und Häufigkeit von Niederschlagsereignissen?

Dr. Ulrich Foelsche: Wenn wir uns Stationsdaten der Vergangenheit weltweit anschauen, dann sieht man tendenziell, je wärmer Orte sind, desto mehr Niederschlag kommt in Form von intensiven Niederschlagsereignissen. 2014 haben wir ein Buch herausgegebenen: Sachstandsbericht Klimawandel Österreich. Dort war ich verantwortlich für das Kapitel des beobachteten Klimas. Dort haben wir zusammengefasst, was es bis 2012 an Beobachtungen gab. Dort gab es noch kein völlig einheitliches Bild, ob die Ereignisse häufiger werden. Mit allen Überlegungen drum herum ist es relativ klar, dass man sich darauf einstellen sollte. Wenn man sich auf eine Änderung einstellt, dann eher darauf, dass sie häufiger werden.

Eine Zunahme von wetterbedingten Schadenfällen ist also nicht in erster Linie auf ein Mehr an Wetterereignissen zurückzuführen?

Dr. Ulrich Foelsche: Die Schadenfälle durch Hochwasser sind längst nicht nur durch Niederschlagsereignisse bestimmt. Da gibt es viele Effekte, die mitspielen. Rückversicherer sehen ganz deutlich, dass es eine Zunahme von wetterbedingten Schadenfällen gibt, was aber nicht in jedem Fall zwingend heißt, dass sich auch die Wetterereignisse, die dafür verantwortlich sind, geändert haben müssen, sondern, dass viel mehr Leute in Regionen leben, wo sie früher nicht gelebt haben und mehr versichert ist. Bei Hagel sieht man bis jetzt auch keine deutliche Änderung. Aber es macht einen großen Unterschied, ob ich in einem zersiedelten Gebiet lebe oder nicht. Bei jedem einzelnen Hagelereignis ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass ich etwas treffe. Habe ich im Keller Koks oder habe ich einen Partykeller? Habe ich Solarzellen am Dach? Bei Hochwasser kommt noch mehr dazu. Veränderung der Niederschläge, des Bodens (Versiegelung) oder des Bebauungsplans. Oft entscheidet der Bau eines Rückhaltebeckens viel mehr als die Änderung der Niederschlagsereignisse.

Die Schadenfälle durch Hochwasser sind längst nicht nur durch Niederschlagsereignisse bestimmt.

Wir beobachten als Schadendienstleister vermehrt Tornados oder Schneisen, die durch Wälder und Regionen fahren, oder nehmen wir das nur stärker wahr?

Dr. Ulrich Foelsche: Der schlimmste Tornado in Österreich war 1916 in Wiener Neustadt und hat 32 Todesopfer gefordert. Der intensivste Tornado im Raum Graz war 1927. Wenn wir uns die Tornadostatistik anschauen, würden wir den Eindruck haben, dass Tornados nur in Städten auftreten, was natürlich nicht plausibel ist. Das hängt damit zusammen, dass es seltene Ereignisse sind und wir heute intensiver beobachten. Wir haben ein immer dichteres Netz und daher wird es zunehmender wahrscheinlicher, dass wir genau dort messen, wo das Maximum ist.

Es gibt vermehrt private Messstationen von Wetterdaten. Bedienen Sie sich solcher Einrichtungen?

Dr. Ulrich Foelsche: Gerade bei Niederschlagsmessungen ist ein ganz großes Thema die Datenqualität. Hagel kann schwer automatisiert erfasst werden. In diesem Fall sind Bilder in sozialen Medien hilfreich. Mehr und mehr Leute haben Handys mit Fotofunktion und daher sieht man eine unglaubliche Zunahme an beobachteten Ereignissen, aber das bedeutet nicht automatisch, dass sich das Phänomen selbst so verändert hat.

Szenenwechsel Versicherungslandschaft. Stellen Sie sich bitte vor, Sie halten plötzlich das Ruder bei einer Versicherung in der Hand. Wie würden Sie agieren? 

Dr. Ulrich Foelsche: Ich würde den engen Kontakt mit der Forschung aufrechterhalten. Außerdem würde ich Masterarbeiten unterstützen, was sich vergleichsweise schnell rentiert. Wichtig ist, dass man am Puls bleibt und das ganze Bild sieht.

 

Professor Dr. Ulrich Foelsche ist seit mehr als 10 Jahren im Wegener Center für Klima und globalen Wandel tätig und beschäftigt sich dort mit globalem Klimamonitoring. Außerdem ist Prof. Dr. Foelsche Institutsvorstand am Institut für Physik an der Karl Franzens Universität in Graz und verantwortlich für die meteorologische Station der Universität Graz. Er verfasst regelmäßig Publikationen zum Thema Klimawandel in Österreich.

Klicktipps:

Aktuelle Messdaten werden laufend auf der Website der meteorologischen Station der Universität Graz veröffentlicht.

Wer an den Vergangenheitsdaten interessiert ist, kann auf die digitalisieren Klimabögen zugreifen, die auch dort abrufbar sind. Bei den einzelnen Dekaden sind ausgewählte Ereignisse hervorgehoben.